Wissenswertes

Orthokeratologie (Nachtlinsen)

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Trotz optimaler Anpassmöglichkeiten bei den herkömmlichen Contactlinsen, wünschen sich einige Fehlsichtige, scharfes Sehen am Tage ganz ohne Brille oder Contactlinsen. Dabei denken Sie weniger an eine Augenoperation, als vielmehr an Contactlinsen die nur über Nacht getragen werden, und so die Fehlsichtigkeit korrigieren. Mit Hilfe der Orthokeratologielinsen ist das nun möglich. Durch eine leichte, kontrollierte Umformung der Hornhaut, können somit mittlere Kurzsichtigkeiten und Hornhautverkrümmungen korrigiert werden, so dass ein scharfes Sehen über den Tag hinweg möglich wird. Übersetzt bedeutet Orthokeratologie die Wissenschaft der richtigen Hornhautgeomertie. (griechisch: ortho = richtig/gerade, kerato = Hornhaut, logie = Wissenschaft)

Gestern und Heute

Der Gedanke, eine Fehlsichtigkeit durch eine gezielte Veränderung der Augenoberfläche zu erreichen, ist nicht neu. So haben die Japaner im 16 ten Jahrhundert versucht, durch Auflegen von kleinen Sandsäckchen auf die Augen, die Form der Hornhaut durch Druck so zu modellieren, dass sie am Tage eine bessere Sehschärfe erhielten. Diese Zeiten sind zum Glück schon lange vorbei, doch die Idee über Nacht seine Fehlsichtigkeit zu korrigieren, gewinnt nun in vielen Ländern immer mehr an Bedeutung. Weit verbreitet ist diese Art der Anpassung heutzutage in den USA und Asien, wo Spezialisten die Orthokeratologie dazu verwenden, um bei Kindern eine Kurzsichtigkeit zu korrigieren bzw. ein Voranschreiten der Kurzsichtigkeit aufzuhalten. Mit der kontinuierlichen Verbesserung des Verfahrens und Messtechnik sowie der Entwicklung neuer, extrem sauerstoffdurchlässiger Materialien, erfreut sich auch in Europa das problemlose Tragen von Orthokeratologielinsen über Nacht. Neben Holland und England, wo sich seit Jahren die Orthokeratologielinsen erfolgreich am Markt etabliert haben, ist auch in Deutschland die Orthokeratologielinse seit 2003  zugelassen. Zum gleichen Zeitpunkt, haben wir auch in unserer Praxis erste positive Erfahrungen mit diesem System sammeln können und erfolgreiche Anpassungen durchgeführt.

Wie funktioniert Orthokeratologie?

Die Vorderfläche des Auges – die Hornhaut – ist hauptverantwortlich für eine Fehlsichtigkeit. Die Hornhaut ist von seiner äußeren Schicht, den Gewebezellen her sehr flexibel und bildet keinen festen Zellverband aus, wie z.B. die Zellen unserer Körperhaut. 

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Die speziell geformten Orthokeratologielinsen erzeugen einen Tränenfilm unter der Linsen aus, so dass bei geschlossenem Auge leichte  hydrostatische Kräfte vom Zentrum zum Rand des Auges wirken. So wird ein Teil des Hornhautgewebes zur Seite verschoben, ohne dabei das Auge zu verletzten. Durch diese Verlagerung der Epithelzellen wird die Hornhaut im Zentrum flacher, wodurch ein Lichtstrahl, der bei einer Kurzsichtigkeit zu stark von Auge abgelenkt wird, wieder scharf auf die Netzhaut abgebildet.

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Verlagerung der Epithelzellen von Zentrum zum Rand der Hornhaut

Bei regelmäßigen Tragen dieser speziellen Linsen über Nacht (ca. 6 Std.), wird ein stabiles sehen ohne zusätzliche Brille oder Contactlinse für mindestens 24 Stunden erreicht.

Die Veränderung der Hornhaut, kann mittel moderner Hornhaut Topographie sichtbar gemacht werden. So messen moderne Computer ca. 22000 Bildpunkte von der Hornhaut und erstellen eine individuelle Landkarte. Die Abbildungen zeigen wie im Folgenden die Hornhaut vor dem Tragen der Nachtlinsen und die Veränderungen nach dem Tragen der Linsen aussehen.

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Topographiebilder vorher (oben) und nachher (unten)

Voraussetzungen

Die Eignung für Orthokeratologie kann nur durch eine ausführliche Voruntersuchung festgestellt werden. Hier werden nicht nur die Brillenwerte und die Daten des vorderen Augenabschnittes bestimmt, sondern es werden auch die physiologischen Bedingungen am Auge ermittelt.

Grundsätzlich ist das Verfahren der Orthokeratologie bei Kurzsichtigkeit bis -5,00 dpt. bzw. einer leichten Hornhautverkrümmung von -1,50 dpt. gut anwendbar. Inzwischen gibt es jedoch auch erste positive Erfahrungen bei der Korrektur der Weitsichtigkeit bzw. bei der Korrektur der Altersweitsichtigkeit.

Das Auge sollte in jedem Fall gesund sein und keinerlei Erkrankung der Hornhaut, Bindhaut oder der Augenlider haben. Außerdem sollten keine systemischen Erkrankungen / Autoimmunerkrankungen wie z.B. Rheuma oder Diabetes mellitus vorliegen. 

Operation oder Orthokeratologie?

Neben der Orthokeratologie stellt die Laser Operation bzw. die Implantation von Linsen weitere Möglichkeiten dar, ohne eine Korrektur am Tage auszukommen. Im Gegensatz dazu ist das Verfahren der Orthokeratologie wieder vollständig reversibel. Das bedeutet, wenn Sie einige Tage Ihre Nachlinsen nicht mehr einsetzten, formt sich die Hornhaut in die ursprüngliche Form zurück. Das heißt, Sie erhalten Ihre alten Ausgangsbrillenwerte zurück, wie vor dem Tragen von Ortho K Linsen. Diese könnte später bei möglichen Operationen wie dem Grauen Star, nützlich sein. Zusätzlich entstehen durch die Benutzung der Orthokeratologielinsen keinerlei Hornhautnarben, wie sie z.B. bei der Lasik entstehen.

Anpassung und Pflege

Um für die Zukunft erfolgreich die Nachtlinsen tragen zu können, ist eine vorherige Eingangsuntersuchung zwingend erforderlich. Hierbei muss sichergestellt sein, dass Ihre Hornhaut völlig unbeeinflusst ist. Contactlinsenträger sollten daher zur Erstvermessung eine Linsenkarenz von ca. 14 Tagen einhalten. Die so ermittelten individuellen Daten Ihrer Augen können nun von uns berechnet und die Linsen in Verbindung mit dem Hersteller exakt gefertigt werden. Zu Ihrem nächsten Termin ca. eine Woche später sind dann auch schon Ihre neuen, maßgefertigten Contactlinsen da. Zusammen mit Ihrem Anpasser setzten Sie die Contactlinsen zum ersten Mal ein und es findet eine erste Kontrolle statt. Hierbei erleben Sie Ihren ersten Teilerfolg, denn Sie können auch am Tag mit Ihren neuen Nachtlinsen sehr gut sehen. Bevor  Sie jedoch die erste Nacht mit Ihren neuen Contactlinsen schlafen können, bekommen Sie noch eine Einweisung im den Umgang und der Pflege ihrer neuen Contactlinsen.

Nachkontrollen

Die erste Nachkontrolle findet direkt morgens nach dem ersten Übernachttragen der Contactlinsen statt. Sie kommen ausnahmsweise mit den Contactlinsen auf dem Auge zu uns in die Praxis. Bevor wir die Contactlinsen vom Auge nehmen, beurteilen wir den Linsensitz und kontrollieren Ihre Augen. 

Nun kommt der spannendste Augenblick…wir nehmen die Contactlinsen vom Auge und Sie können zum ersten Mal den Effekt der Orthokeratologielinsen erleben: scharf sehen ohne Contactlinsen oder Brille.  In einigen Fällen, je nach Beschaffenheit der Hornhaut bzw. Brillenstärke, kommt es vor, dass nur zwei Drittel der Fehlsichtigkeit zum Anfang korrigiert sind. Die volle Sehleistung kommt dann jedoch nach weiteren Nächten. Um einen stabilen Seheindruck über den gesamten Tag zu erhalten, sind ebenfalls weitere Nächte notwendig. In den Fällen, in denen eine vollständige Korrektur noch nicht eingetreten ist, können wir z.B. zum Autofahren mit entsprechenden Tageslinsen den Zustand überbrücken. Im weiteren Verlauf der Linsenanpassung, folgen über die Tageszeit verteilt weitere Nachkontrollen, um die Entwicklung der Sehschärfe ohne Contactlinsen zu prüfen.

In Einzelfällen kann es vorkommen, dass Ihr neue Ortho K Linse trotz optimaler Vermessung nicht wie erwartet auf den Auge sitz. So kann die Contactlinse durch eine starke Lidspannung über Nacht auf den Auge leicht dezent riet werden, so dass die Abflachung nicht an der richtigen Stelle erfolgt. Auch kann sich unter der Contactlinse eine Luftblase bilden, so dass eine unregelmäßige Verformung der Hornhaut die Folge ist. Diese unerwünschten Anfangsprobleme lassen sich jedoch bei den folgenden Nachkontrollen sehr gut erkennen und abstellen. Durch die Anpassung eines zweiten Linsenpaares lassen sich jedoch die notwendigen Veränderungen realisieren und das gewünschte Ergebnis erzielen. Zudem kann es in der ersten Phase der Anpassung zu einer Verminderung des Kontrastsehens und zu so genannten Halos um Lichtquellen kommen.

Sicherheit und Reversibilität 

Orthokeratologie ist bei richtiger Anpassung bzw. korrektem Umgang mit den Linsen sehr sicher. Schädliche Auswirkungen auf das Auge oder Langzeitschäden können bei richtiger Anwendung ausgeschlossen werden. Im Gegensatz zu einem operativen Eingriff mit Laser, erfolgt kein Abtrag von Hornhautgewebe sowie die Durchtrennung von Hornhautnervenfasern. In so fern ist gerade bei einem trockenen Auge keine Verschlechterung durch das Linsentragen über Nacht zu erwarten. Aus hygienischen Gründen und um ein stabiles und einwandfreies Sehen zu gewährleisten, ist ein jährlicher Austausch der Ortho K Linsen notwendig.

Sollte dennoch der Wunsch bestehen, dass Linsentragen über Nacht wieder abzusetzen, ist dieses jeder Zeit möglich. Die Hornhaut  bildet sich nach einigen Tagen der Linsenkarenz wieder in die Ursprungsform wieder zurück. Je nach Länge der Anwendung der Ortho K Linsen bzw. Dioptrienstärke und Hornhautdicke kann die Rückformung der Hornhaut einige Tage in Anspruch nehmen. Um den Übergang zu Ihren alten Brillenwerten so optimal wie möglich zu gewährleisten, können wir Ihnen für die Übergangsphase mit Tageslinsen aushelfen

Führerschein

In der Regel haben die meisten Fehlsichtigen einem Vermerk im Führerschein stehen, dass zur Benutzung der PKWs eine Sehhilfe getragen werden muss. Der Vorteil, dass die orthokeratologischen Contactlinsen nur über Nacht getragen werden. bringt nun die Situation, dass und bei einer möglichen Verkehrskontrolle die Linsen nicht vorgezeigt werden können. Da sich jedoch in den zurückliegenden Jahren, das Ortho K System auch in Deutschland weiter etabliert hat, bieten sich inzwischen verschiedene Möglichkeiten an. Gerne informieren wir Sie hierüber in einem kostenlosen und unverbindlichen Beratungsgespräch.

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